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Humboldt-Universität zu Berlin - Lebenswissen­schaftliche Fakultät - Institut für Psychologie

Forschung

GI:VE  Grundlagen nachhaltiger Innovationsfähigkeit:

            Vertrauenskultur und Evolutionäre Wissensproduktion

Kern des BMBF-Projekts „Grundlagen nachhaltiger Innovationsfähigkeit: Vertrauenskultur & Evolutionäre Wissensproduktion“ (GI:VE) ist die Ausgestaltung von betrieblicher Vertrauenskultur und nachhaltiger Innovationsfähigkeit im Blick auf eine bessere Vereinbarkeit von Stabilität und Flexibilität. Die wissenschaftlichen Grundlagen für die Vereinbarkeit von Stabilität und Flexibilität sind das Modell der evolutionären Wissensproduktion (Scholl, 2004), welches Mechanismen zur Generierung von neuem Wissen systematisiert, und das Modell effektiver Organisationskultur (Denison, 1990), das mit Konzepten zur Vertrauensbildung (Oswald, 2009) vertieft wird. Zu diesen Konzeptionen stehen nicht nur Erhebungsinstrumente zur Diagnose und Evaluation der betrieblichen Realität zur Verfügung, sondern es lassen sich auch detaillierte Interventionen klassischer (z.B. Trainings) und moderner (z.B. Web 2.0-Anwendungen, Innovationscoach) Prägung ableiten. Diagnose, Intervention und Evaluation finden in enger Abstimmung mit der artop GmbH als Umsetzungspartner und weiteren 8 Firmen als Verbundpartnern statt. Das Projektes läuft von September 2009 bis April 2013. Ein zentrales neues Interventionsinstrument ist eine Ausbildung zum Innovationspromotor für innerbetriebliche Personen, die sich um Innovationen kümmern sollen; der erste Durchgang von 10 x 2 Tagen hat im April 2010 begonnen, ein weiterer Durchgang wird im Herbst 2010 ausgeschrieben. Weitere Transferaktivitäten sind mehrere Tagungen, eine Praxisbroschüre sowie verschiedenste Netzwerkaktivitäten zusammen mit unseren Verbundpartnern. Aktuelle Informationen zu allen Aspekten finden sich unter:

www.vertrauenskultur-innovation.de

Literatur:

  • Scholl, W. & Kunert, S. (im Druck). Mode oder Methode? Die Bedeutung von Vertrauen für Innovationsprozesse. Praeview. Zeitschrift für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention.
  • Scholl, W. (2010). Innovationen – Wie Unternehmen neues Wissen produzieren und etablieren. In H. Hof & U. Wengenroth (Hrsg.), Innovationsforschung – Ansätze, Methoden, Grenzen und Perspektiven (2. Aufl., S. 271-300).
    Münster: LIT.
  • Scholl, W. (2006). Evolutionäres Ideenmanagement. In Tom Sommerlatte & Georg Beyer (Hrsg.), Innovationskultur und Ideenmanagement (S. 163-193). Düsseldorf: Symposion.

 

Systematische Verhaltensbeobachtung – das IKD

Ein neuer Forschungsansatz besteht in der Entwicklung eines Systems zur systematischen Verhaltensbeobachtung, das Instrument zur Kodierung von Diskussionen (IKD). Er wurde im Rahmen der Doktorarbeit von Carsten Schermuly entwickelt und verbindet gute Reliabilität und Validität mit dem geringsten Zeitaufwand aller Beobachtungssysteme (Auswertungszeit : Ereigniszeit = 4 : 1) und ist daher auch für umfangreichere Erhebungen und entsprechende komplexe statistische Auswertungen geeignet. Gegenüber bisherigen Verhaltensbeobachtungen beinhaltet es auch die Auswertung nonverbaler Kommunikation auf den Dimensionen Affiliation (Freundlichkeit versus Feindlichkeit), Macht (Dominanz versus Submission) und kann auf die dritte Dimension Aktivierung (Aktivität versus Passivität) erweitert werden (s. Netzel 2009). Das IKD ist auch für die Untersuchung von Machtausübung (feindliche Dominanz) versus Einflussnahme (freundliche Dominanz) gut geeignet. Es wurde im Rahmen der Doktorarbeit von Carsten Schermuly entwickelt und verbindet gute Reliabilität und Validität mit dem geringsten Zeitaufwand aller Beobachtungssysteme (Auswertungszeit : Ereigniszeit = 4 : 1) und ist daher auch für umfangreichere Erhebungen und entsprechende komplexe statistische Auswertungen geeignet.

Literatur:

Schermuly, C.& Scholl, W. (2011). Instrument zur Kodierung von Diskussionen (IKD). Göttingen: Hogrefe.

Schermuly, C. C. (2010). Das Instrument zur Kodierung von Diskussionen (IKD). Untersuchung der psychometrischen Qualität und experimenteller Einsatz zur Prüfung des Empowermentkonstrukts. Dissertation: Humboldt Universität zu Berlin.

Schermuly, C. C. & Scholl, W. (2010). Was ist da eigentlich passiert? Ein neues Kodierverfahren ermöglicht die Analyse von Teamarbeit. Wirtschaftspsychologie aktuell, 17 (3), 14-17.

Schermuly, C., Schröder, T., Nachtwei, J. & Scholl, W. (2010). Das Instrument zur Kodierung von Diskussionen (IKD): Ein Verfahren zur zeitökonomischen und validen Kodierung von Interaktionen in Organisationen. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 54, 149-170.

Netzel, J. (2009). Affective dynamics in dyadic interaction: Testing affect control theory with behavioral observation. Unveröffentlichte Diplomarbeit: Humboldt-Universität zu Berlin.

 

Innovativität durch Mitbestimmung

 

Im März 2008 startete unser Projekt „Innovativität durch Mitbestimmung, untersucht an der Beteiligung von Betriebsräten an Prozessinnovationen“. Diese Untersuchung wurde von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert.

Hintergrund: Der wirtschaftliche Wettbewerb ist immer mehr ein Innovationswettbewerb. Innovationen werden zu einer Voraussetzung für die Schaffung von Arbeitsplätzen und den wirtschaftlichen Wohlstand. Es ist daher eine zentrale Frage, wie Unternehmen und andere Organisationen innovationsfähig werden können. Die Innovationsfähigkeit von Organisationen hängt in hohem Maße davon ab, ob es gelingt, die Fähigkeiten und Kenntnisse aller Beschäftigten von der untersten bis zur obersten Ebene zu nutzen. Dies verlangt die Partizipation aller Beteiligten, die Einführung mitarbeiterorientierter Organisationsformen und somit auch die Beteiligung der Arbeitnehmervertreter im Rahmen der Mitbestimmungsgesetze.

Unsere Projekt hat folgende Ziele: (1) Vertiefende Erfassung der Bedingungen für wirtschaftlich und sozial erfolgreiche Prozessinnovationen und ihren Zusammenhang mit Produktinnovationen, um Leitlinien für die Mitbestimmungsakteure zu bekommen, (2) Ermittlung der Chancen und Probleme von Betriebsräten, eine Promotorenrolle für mehr Innovativität des Unternehmens einzunehmen, um auf diese Weise Arbeitnehmerinteressen proaktiv fördern zu können, (3) Erforschung des Zusammenhangs von direkter Partizipation der Arbeitnehmer/innen und der stellvertretenden Partizipation des Betriebsrats, (4) Erforschung einiger immer noch bzw. wieder umstrittener Fragen der Mitbestimmungspraxis und genauere Erklärung bekannter Mitbestimmungsphänomene.

Insgesamt geht es darum auszuloten, ob und wie durch Mitbestimmung die Innovativität von Unternehmen und die Förderung von Arbeitnehmerinteressen durch Mitbestimmung zusammen verwirklicht werden können. Ein kurzer Überblick über die Ergebnisse ist in folgender Präsentation zu finden, die bei den Texten und Materialien zum Download heruntergeladen werden kann:

Weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung.

Literatur:

 

  • Scholl, W. (Hrsg.). (2011). Innovativität durch Mitbestimmung. Abschlussbericht (Entwurf) für die Hans-Böckler-Stiftung: Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Kirsch, W., Scholl, W. & Paul, G. (1984). Mitbestimmung in der Unternehmungspraxis - eine empirische Bestandsaufnahme. München: Planungs- und Organisationswissenschaftliche Schriften.
  • Scholl, W. & Kirsch, W. (1986). Business policy and codetermination. In E. Witte & H. J. Zimmermann (eds.), Empirical research on organizational decision-making (351-383). Amsterdam: North Holland.
  • Scholl, W. (1986). Codetermination and the quality of working life. In R. N. Stern & S. McCarthy (eds.), The organizational practice of democracy (153-174). New York: Wiley.
  • Scholl, W. (1987). Codetermination and the ability of firms to act in the Federal Republic of Germany. International Studies of Management & Organization, 17 (2), 27-37.
  • Krause, D. E. (2004). Macht und Vertrauen in Innovationsprozessen. Ein empirischer Beitrag zu einer Theorie der Führung. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.
  • Scholl, W. (2004). Innovation und Information. Wie in Unternehmen neues Wissen produziert wird (Unter Mitarbeit von Lutz Hoffmann und Hans-Christof Gierschner). Göttingen: Hogrefe.
  • Scholl, W. (2005). Grundprobleme der Teamarbeit und ihre Bewältigung - Ein Kausalmodell. In M. Högl & H. G. Gemünden (Hrsg.), Management von Teams. Theoretische Konzepte und empirische Befunde (3. Aufl., S. 33-66). Wiesbaden: Gabler.
  • Scholl, W. (2010). Innovationen – Wie Unternehmen neues Wissen produzieren und etablieren. In H. Hof & U. Wengenroth (Hrsg.), Innovationsforschung – Ansätze, Methoden, Grenzen und Perspektiven (2. Aufl., S. 271-300). Münster: LIT.

 

Konflikte bei Innovationen

 

Von Februar 2005 bis Dezember 2007 hatten wir, bewilligt von der Volkswagen-Stiftung, das Projekt mit dem Titel: "Conflict Emergence and Conflict Management in Developing Innovations at the Interface of Science and Industry: An Interdisciplinary and Intercultural Approach". Im diesem Projekt wurde die Genese von Innovationen unter dem Aspekt der Entwicklung und der Bearbeitung von Konflikten betrachtet. Analysen zu dieser Problematik haben in der Innovationsforschung Seltenheitswert. Diese Seiten des Innovationsprozesses werden auch im Feld selbst von den Naturwissenschaftlern und Technikern oft wenig oder gar nicht reflektiert. An rezenten und wissenschaftshistorischen Analysen kann jedoch demonstriert werden, dass Konflikte häufig vorkommen, und ihre Handhabung die Effektivität des Innovationsprozesses entscheidend beeinflusst. Wir  analysierten diese Aspekte bei der Genese von Innovationen in der Forschung von einem möglichst frühen Stadium an bis zur Umsetzung in neue Produkte oder Verfahren. Dabei war  eine Kombination von organisationspsychologischem und wissenschaftssoziologischem Herangehen  versucht worden.

Ziele unseres Projekts waren (1) die Untersuchung unterschiedlicher Konflikte und Konflikthandhabungsformen und ihre Bedeutung für Innovationsprozesse; (2) entsprechende Analysen in unterschiedlichen Organisationen des Innovationsprozesses, d. h. in wissenschaftlichen Forschungsinstituten, in Spin-off bzw. Wissenschaftler/Unternehmer-Firmen und in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen etablierter Unternehmen, zwischen denen aufgrund unterschiedlicher Systemlogiken verstärkte Konflikte erwartet werden; (3) die vergleichende Analyse von Innovationsprozessen in zwei unterschiedlichen Hochtechnologien, nämlich der Gen- und Nanotechnologie, bei denen aufgrund ihrer großen Neuheit und ihrer breiten Anwendungsgebiete radikale Innovationen erwartet werden; in der Gentechnologie ist aufgrund der kontroverseren öffentlichen Debatte mit mehr Konfliktdruck zu rechnen; (4) Konflikte sollen dabei auch auf den verschiedenen Systemebenen analysiert werden, d. h. bei Individuen, Gruppen, Organisationen, Gesellschaften bzw. Nationen und ggf. globalen Marktkräften; (5) die oberen Systemebenen werden dabei besonders durch einen Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland untersucht, deren nationale Ausbildungs-, Forschungs- und Managementsysteme sich deutlich unterscheiden; dies geschieht mit unseren Partnern Prof. Dr. Terry Shinn, Universite de Paris Sorbonne CNRS Groupe d`Etude des Methodes de LÀnalyse Sociologique, und Erwan Lamy, Maison de Sciences de l'Homme. (6) Schließlich haben wir differenzierte Konfliktformen konzeptualisiert, um soziologische und psychologische Analysen integrieren zu können, und dazu allgemeine Hypothesen zu ihrer kausalen Verbindung und den Konsequenzen für Wissenzuwachs und Innovationserfolg aufgestellt, die über alle Variationen hinweg geprüft und ggf. modifiziert und ergänzt werden sollen. Einen Überblick über die Ergebnisse gibt „Final_summary_conflicts_short.rtf“ und kann bei „Texte und Materialien zum Download“ heruntergeladen werden. Weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung.

Literatur:

  • Hagenah, M. (2010). Konflikte und ihre Bedeutung für Innovationen – Eine Feldstudie auf dem Gebiet der Nanotechnologie. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Scholl, W. (2009). Konflikte und Konflikthandhabung bei Innovationen. In E. Witte & C. Kahl (Hrsg.), Sozialpsychologie der Kreativität und Innovation (S. 67-86). Lengerich: Pabst.
  • Heckel, E. (2007). Innovationsfreundlichkeit und der Umgang mit Konflikten in akademischen und privatwirtschaftlichen Unternehmen. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Freie Universität Berlin.
  • Seuffert, V. (2007), Cooperation and Competition in the Process of Innovation. A Study in the Field of Life Science. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Scholl, W. (2007). Innovationen: Wie Unternehmen neues Wissen produzieren und etablieren. In H. Hof & U. Wengenroth (Hrsg.), /Innovationsforschung – Ansätze, Methoden, Grenzen und Perspektiven /(S. 271-300)/./ Münster: LIT.
  • Scholl, W. (2006). Neuerungen generieren automatisch Widerstände. HRToday, 7(11), 32-33.
  • Scholl, W. (2004). Innovation und Information. Wie in Unternehmen neues Wissen produziert wird (Unter Mitarbeit von Lutz Hoffmann und Hans-Christof Gierschner). Göttingen: Hogrefe. (Innovation and information. How enterprises produce new knowledge)
  • Dieter, A., Montada, L. & Schulze, A. (Hrsg. ). (2000). Gerechtigkeit im Konfliktmanagement und in der Mediation. Frankfurt/M.: Campus.
  • Scholl, W. (1999). Restrictive control and information pathologies in organizations. Journal of Social Issues, 55, 101-118.
  • Schulze, A. & Wenzel, V. (1996). Faszination Licht - Portrait einer interkulturellen wissenschaftlichen Gemeinschaft. Münster: Waxmann. (Fascinated by light - portrait of a interdisciplinary scientific community)
  • Schulze, A. & Kahlow, A. (1993). Innovationen in der Forschung aus sozialpsychologischer Sicht. Frankfurt/M.: Lang. (Innovations in science in social-psychological perspective)
  • Schulze, A. (1990). On the rise of innovations and their acceptance in research groups. Social Studies of Science, 20, (1), 53-64.


 

Macht- und Einflussprozesse

 

 Macht als Potential und  die Nutzung solcher Machtpotenziale werden in ihrer gesamten Breite studiert. Bei der Machtnutzung wird Machtausübung (restrictive control)  definiert als Einwirkung gegen die Interessen des/r Anderen, während Einflussnahme (promotive control) nicht deren Interessen verletzt. In quasi-experimentellen Designs werden Versuchspersonen gebeten, aus ihrem Alltag Macht- und Einfluss-Episoden zu schildern, als Akteure und als Betroffene. Machtausübung unterscheidet sich ganz erheblich von Einflussnahme: sie zieht negative emotionale Reaktionen nach sich, löst Reaktanz und/oder Hilflosigkeitserlebnisse aus, gefährdet die Beziehung und beeinträchtigt den Wissenszuwachs, der durch intensive Kommunikation möglich wäre. Im Zentrum laufender Arbeiten dazu steht die Frage nach Reaktionen auf Machtausübung und Einflussnahme in Organisationen sowie die experimentelle Untersuchung der Auswirkung von Machtausübung und Einflussnahme auf den Wissenszuwachs. Ein typischer Anwendungsfall sind Konflikte, wo bei der Handhabung dieser Konflikte Machteinsatz / Machtkampf (Machtausübung) sich als ungünstig erweist, während Zusammenarbeit / Problemlösen (Einflussnahme) für alle vorteilhaft ist (siehe die Studien zu Konflikte bei Innovationen).

Literatur:

Scholl, W. & Kestel, C. (2011). Wir überschätzen uns. Harvard Business manager, August 2011, 94-97.

Scholl, W. (im Druck). Machtausübung oder Einflussnahme: Die zwei Gesichter der Machtnutzung. In I. Hajnal, B. Knoblach & T. Oltmanns (Hrsg.), Macht in Unternehmen – Der vergessene Faktor. Wiesbaden: Gabler.

Scholl, W. (in press). Collaboration and Knowledge Gains in Organizations. In P. Meusburger & Berthoin-Antal, A. (Eds.), Knowledge in organisations. Berlin: Springer.

Scholl, W., Schermuly, C. C. & Klocke, U. (im Druck). Wissensgewinnung durch Führung - die Vermeidung von Informationspathologien durch Kompetenzen für MitarbeiterInnen (Em­power­ment). In S. Grote (Hrsg.), Die Zukunft der Führung. Berlin, Heidelberg: Springer.

Scholl, W. & Riedel, E. (2010). Using high or low power as promotive or restrictive control - differential effects on learning and performance. Social Influence, 5, 40-58.

Scholl, W. (2007). Einfluss nehmen und Einsicht gewinnen – gegen die Verführung der Macht. Wirtschaftspsychologie aktuell, 14 (4), 15-22.

Scholl, W. (2007). Das Janus-Gesicht der Macht. Persönliche und gesellschaftliche Konsequenzen Rücksicht nehmender versus rücksichtsloser Einwirkung auf andere. In B. Simon (Hrsg.), Macht: Zwischen aktiver Gestaltung und Missbrauch (S. 27-46). Göttingen: Hogrefe.

 

Soziale Kognition und symbolische Interaktion

 

Das sozialpsychologische Paradigma der sozialen Kognition weist eine individualistische Orientierung auf: Sozial ist nur der Gegenstand "Mensch", während die untersuchten Prozesse die individuelle Informationsverarbeitung betreffen. Bei der symbolischen Interaktion geht es zwar auch um individuelle Kognitionen, aber hier stehen soziale Prozesse der Kommunikation, eingebettet in soziale Strukturen im Vordergrund der Betrachtung. Beide können sich gut ergänzen.

In einem ersten Experiment wurden unterschiedliche Vorhersagen aus Attributionstheorie und symbolischen Interaktionismus (SI) geprüft mit dem Ergebnis, dass Attributionen durch den in der Dyade zu suchenden Arbeitskonsens im Sinne des SI tatsächlich beeinflusst werden und anders ausfallen als die Attributionstheorie annimmt: Gewinner attribuierten nicht stärker personal und Verlierer nicht stärker situational. In einem weiteren Experiment wurden die wechselseitigen intra- und interpersonalen Einflüsse auf die Selbstbilder zweier interagierender Personen, die jeweiligen Fremdbilder, die vermuteten Selbstbilder sowie die vermutete Fremdbilder im Laufe des Kennenlernprozesses untersucht. Die Grundfragen bestehen zum einen darin, wie stark die intrapersonalen (sozio-kognitiven) im Vergleich zu den interpersonalen (symbolisch-interaktiven) Einflüsse sind, und zum anderen, inwieweit die wechselseitigen Bilder im Laufe des Kennenlernens "realistischer" werden. Es zeigt sich, dass die sozialen Prozesse viel länger Zeit brauchen als bisher angenommen.

Experimentelle Überprüfung der Affektsteuerungstheorie

Die Affect Control Theory (ACT) von David Heise (1979, 2007) ist eine soziologische Handlungs- und Emotionstheorie, die aus dem „Semantischen Differential“ von Osgood und den psychologischen Konsistenztheorien (v.a. Heiders „Balancetheorie“) hervorgegangen ist. Die vereinfachte Kernaussage der ACT besteht darin, dass man anderen gegenüber stets so handelt, dass man die Emotionen aufrechterhalten kann, die man sich selber und dem anderen gegenüber empfindet. Die Theorie ist mathematisch sehr präzise formuliert und erlaubt mit Hilfe einer Computersimulation sehr genaue Voraussagen, wie soziale Interaktionen ablaufen. Eine umfangreiche Darstellung der ACT (in englischer Sprache) findet sich hier: http://www.indiana.edu/~socpsy/ACT/ .

In einem ersten Schritt wurde ein affektives Lexikon für die deutsche Sprache im Umfang von ca. 1100 deutschen Worten mit Hilfe der drei Dimensionen des „Semantischen Differentials“ (Valenz, Potenz und Erregung) erstellt, d.h. diese Worte wurden von 30-60 Personen eingeschätzt. Ein früher erstellter kleinerer Wortschatz (Andreas Schneider an der Uni Mannheim, 1990, heute Texas Tech University) wurde zum Teil erneut bewertet; es zeigte sich eine sehr hohe Stabilität.

In einem 2.Schritte wird die Vorhersagefähigkeit der ACT experimentell überprüft. Zunächst wurde das Verhalten von Führungskräften und Mitarbeitern in verschiedenen ACT-Simulationen untersucht. Dabei zeigt sich, dass die ACT viele Befunde vorhersagt, die man aus der psychologischen Führungsforschung kennt (über Emotionen in Führungsdyaden, die Wahrscheinlichkeit von compliance in Abhängigkeit verschiedener Führungsstile, die Abwertung von Mitarbeitern bei Machtausübung, etc.). In zwei Experimenten wurden nun diese ziemlich präzisen Vorhersagen aus der Computersimulation empirisch überprüft und bestätigt (Schröder, 2009; Schröder & Scholl, 2009). Eine weitere erstaunliche Bestätigung der ACT ergab sich aus der Kodierung nonverbaler Akte, die mit numerischen Werten parallel zum semantischen Raum in ihrer relativen Häufigkeit vorhersagbar waren (Netzel, 2009). Das bestätigt, dass der nonverbalen Kommunikation der gleiche sozio-emotionale Raum zugrunde liegt wie der verbalen Kommunikation (Scholl, 2008).

Literatur

  • Schröder, T. & Scholl, W. (2009). Affective dynamics of leadership: An experimental test of affect control theory. Social Psychology Quarterly, 72, 180-197.
  • Netzel, J. (2009). Affective dynamics in dyadic interaction: Testing affect control theory with behavioral observation. Unveröffentlichte Diplomarbeit: Humboldt-Universität zu Berlin
  • Schröder, T. (2009). Die Affektsteuerungstheorie als allgemeine Theorie der sozialen Interaktion. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Scholl, W. (2008). The socio-emotional basis of human interaction and commu­ni­cation.             
    <www2.hu-berlin.de/interactcommunicate/index.php5/Main_Page>, retrieved 2009-10-07.
  • Heise, D. R. (2007). Expressive order. Confirming sentiments in social actions. Berlin: Springer-Verlag.
  • Heise, D.R. (1979). Understanding Events: Affect and the Construcion of Social Action. New York: Cambridge University Press.
  • Röbke, C. (1996). Attribution oder symbolische Interaktion? Betrachtung von typischen Attributionsfehlern aus der Sicht des symbolischen Interaktionismus. Unveröff. Diplomarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin.

 

Allgemeine theoretische Arbeiten

 

Im Folgenden wird noch auf einige Arbeiten verwiesen, bei denen die theoretische Darstellung im Vordergrund steht, und die sich nicht gut einzelnen Projekten zuordnen lassen. Einen Überblick dazu bietet die Veröffentlichung zur sozialen Interaktion (1991), in der viele der Grundhypothesen späterer empirischer Untersuchungen entwickelt wurden; Überblicke dazu bieten Scholl (1998) und Scholl (2005).

Ein Schwerpunkt dieser Arbeiten ist in den letzten Jahren immer mehr in den Vordergrund gerückt: Die Betrachtung von Affiliation, Macht und Aktivierung als sozio-emotionale Basisdimensionen, die in nonverbaler und verbaler Kommunikation, in Gefühlen, im Verhalten und in der Persönlichkeitsforschung unabhängig voneinander gefunden wurden (Scholl, 2008). Die Dissertation von Ingo Jacobs (2008) hat dies für Affiliation und Macht bzw. Dominanz in Bereich von Persönlichkeit und sozialen Beziehungen näher exploriert. Die Dissertation von Tobias Schröder (2009) prüft den Zusammenhang von verbalen Äußerungen und Verhalten mit Hilfe der Affect Control Theory auf diesen drei Dimensionen des Semantischen Differentials.  Die  Dissertation von Carsten Schermuly (2010) prüft die Qualität eines eigens entwickelten Beobachtungsverfahrens, das neben anderen Aspekten die ersten zwei oder ggf. alle drei Dimensionen als Beziehungsaspekte einbezieht, das Instrument zur Kodierung von Diskussionen (IKD). Des weiteren werden Führung und Empowerment experimentell untersucht und mit Hilfe des IKD näher analysiert werden. Inwieweit der Interpersonale Circumplex durch Affektintensität als dritte Persönlichkeitsdimension entsprechend der Aktivierungsdimension erweitert werden kann, hat Kölle (2010) untersucht. Einen kurzen Überblick über alle diese Überlegungen und Arbeiten bietet der Vortrag von Scholl (2010) auf dem Bremer DGPs-Kongress (Folien auf der Webseite; ein Live-Mitschnitt ist vom Autor erhältlich).

Um die Arbeit an diesen drei Basisdimensionen über den Lehrstuhl hinauszutragen und ihr Potenzial für interdisziplinäre Theorienintegration zu nutzen, haben wir ein Wiki zu Interaktion und Kommunikation 2009 mit einem Workshop gestartet. Das Wiki soll die vielen zu zu Interaktion und Kommunikation gehörigen Facetten und Teilthemen im Sinne eines Advanced Textbook sukzessive darstellen und weiterentwickeln, siehe http://www2.hu-berlin.de/interactcommunicate/index.php5/Hauptseite

Literatur:

  • Schermuly, C. C. (2010). Das Instrument zur Kodierung von Diskussionen (IKD). Untersuchung der psychometrischen Qualität und experimenteller Einsatz zur Prüfung des Empowermentkonstrukts. Dissertation: Humboldt Universität zu Berlin.
  • Kölle, B. (2010). Affektintensität: Strukturanalyse des Affect Intensity Measurement (AIM). Zusammenhänge zum Interpersonalen Circumplex und zu Faktoren der Persönlichkeit. Humboldt-Universität zu Berlin: Unveröffentlichte Diplomarbeit.
  • Schröder, T. (2009). Die Affektsteuerungstheorie als allgemeine Theorie der sozialen Interaktion. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Jacobs, I. (2008). Interpersonaler Circumplex: Validierung der Interpersonalen Adjektivliste und Analyse interpersonaler Komplementarität in engen persönlichen Beziehungen. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Scholl, W. (2008). The socio-emotional basis of human interaction and commu­ni­cation.             
    <www2.hu-berlin.de/interactcommunicate/index.php5/Main_Page>, retrieved 2011-02-12.


Gruppenforschung

 

Der Einstieg in die Gruppenforschung begann in den Jahren 1972 - 1975 im Rahmen der Dissertationen von Kiessler und Scholl. Im Anschluss an die experimentelle Literatur, aber auch im Anschluss an die Experimente mit teilautonomen Arbeitsgruppen wurden zwei Kausalmodelle der Gruppenarbeit formuliert, eines auf der Individualebene, das andere auf der Gruppenebene. Erklärt wurden die Produktivität der Gruppe und der individuelle Lernerfolg durch das Ausmaß der Machtverteilung und der Unterschiede in der Beteiligung an der Gruppenarbeit in hierarchischen, egalitären und unstrukturierten Gruppen. Arbeiten zur Gruppenforschung wurden weitergeführt mit einer Reihe von Dissertationen, die bestimmte neuere Fragestellungen aufgegriffen haben (s. Literatur), aber auch mit einem Teil der Arbeiten im Rahmen des Innovationsprojektes. Diese Arbeiten sollen in Zukunft verstärkt fortgeführt werden, wobei die Einrichtung eines Grupppenlabors an unserem Institut dazu die nötige Grundlage bereitstellt. Besonders intensiv hat sich Elisabeth Brauner mit neuen Fragen der Gruppenforschung im Rahmen des "Information Processing in Groups", z. B. mit dem sogenannten transaktiven Gedächtnis beschäftigt. In der Dissertation von Ulrich Klocke sind Gruppenprozesse der Rahmen für die Untersuchung der Wirkungen von Macht und Einfluss auf die Wissensgewinnung.

In einer Evaluationsstudie zur Wirksamkeit der Metaplan-Moderationsmethode und ihrer Teilkomponenten wird untersucht , ob Gruppenarbeit durch diese Methode effektiver gestaltet werden kann (Diss. Schimanski).

Praktische Erfahrungen mit Gruppenarbeit können im Kommunikationskurs (Modul GBM_1, Studienordnung), durchgeführt von geschulten Trainer/inne/n, gemacht werden. Im Anschluss daran kann ein weiteres gruppenbezogenes Training (Interventionsmethoden für Interaction, HWM_2.2) absolviert werden. Diese Kurse dienen der Einübung in Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten, die wohl alle beruflich tätigen Psycholog/inn/en besonders benötigen.

Literatur:

  • Scholl, W. (im Druck). Szenarien. In W. Sarges (Hrsg.), Management-Diagnostik (2. Verbess. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
    Bachmann, T., Runkel, R. & Scholl, W. (2010). Ausbildung von Trainern, Coachs und Beraterinnen für Organisationen. In U. P. Kanning, L. v. Rosenstiel & H. Schuler (Hrsg.), Jenseits des Elfenbeinturms: Psychologie als nützliche Wissenschaft (S. 210-222). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Meyer, B. & Scholl, W. (2009). Complex problem solving after unstructured discussion: Effects of information distribution and experience. Group Processes and Intergroup Relations, 12, 495-515.
  • So, C., & Scholl, W. (2009). Perceptive agile measurement: New instruments for quantitative studies in the pursuit of the social-psychological effect of agile practices. In P. Abrahamsson, M. Marchesi, & F. Maurer (Eds.): XP 2009, LNBIP 31 (pp. 83–93). Berlin: Springer.
  • Klocke, U. (2007). How to improve decision making in small groups: Effects of dissent and training interventions. Small Group Research, 38, 437-468.
  • Meyer, B., Scholl, W., & Zhang, Z. (2007). Predicting task performance with elicitation of non-explicit knowledge. In N. Gronau (Ed.), 4th Conference on Professional Knowledge Management – Experiences and Visions (S. 303-311). Berlin: GITO.
  • Hertel, G. & Scholl, W. (2006). Grundlagen der Gruppenarbeit in Organisationen. In B. Zimolong & U. Konradt (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie - Ingenieurpsychologie (S. 181-216). Göttingen: Hogrefe.
  • Scholl, W. (2005). Grundprobleme der Teamarbeit und ihre Bewältigung - Ein Kausalmodell. In M. Högl & H. G. Gemünden (Hrsg.), Management von Teams. Theoretische Konzepte und empirische Befunde (3. Aufl., S. 33-66). Wiesbaden: Gabler.
  • Klocke, U. (2004). Folgen von Machtausübung und Einflussnahme für Wissenszuwachs und Effektivität in Kleingruppen.unveröffentlichte Doktorarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Psychologie.
  • Scholl, W. (2003a). Modelle effektiver Teamarbeit eine Synthese. In S. Stumpf & A. Thomas (Hrsg.), Teamarbeit und Teamentwicklung (S. 3-34). Göttingen: Hogrefe. (Models of effective teamwork a synthesis)
  • Brauner, E. (2003). Informationsverarbeitung in Gruppen: Transaktive Wissenssysteme. In A. Thomas & S. Stumpf (Hrsg.), Teamarbeit und Teamentwicklung (S. 57-83). Göttingen: Verlag für angewandte Psychologie. "Information processing in groups: Transactive knowledge systems"
  • Brauner, E. (2002). Transactive knowledge systems in groups and organizations. unveröffentlichte Habiliationsschrift. Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Brauner, E. (2002). Informationsverarbeitungsprozesse in Gruppen. In G. Wenninger (Hrsg.), Lexikon der Psychologie. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. "Information processing in groups"
  • Scholl, W. (1997). Gruppenarbeit: Die Kluft zwischen sozialpsychologischer Theoriebildung und organisationspsychologischer Anwendung. Gruppendynamik, 28, 381-403.
  • Scholl, W. (1996). Effective teamwork - A theoretical model and a test in the field. In E. Witte & J. Davis (Eds.), Understanding group behavior (Vol.2) (pp. 127-146), Hillsdale, NJ: Erlbaum.
  • Pelz, J. (1995). Gruppenarbeit via Computer. Sozialpsychologische Aspekte eines Vergleichs zwischen direkter Kommunikation und Computerkonferenz. Frankfurt/M.: Lang.
  • Jüngling, C. (1995). Politik, Macht und Entscheidungen in Projektgruppen. Münster: Waxmann
  • Brauner, E. (1994). Soziale Interaktion und mentale Modelle. Planungs- und Entscheidungsprozesse in Planspielgruppen. Münster: Waxmann.
  • Scholl, W. & Kiessler, K. (1990). Systemebenen in der Gruppenforschung. In E. Witte (Hrsg.), Sozialpsychologie und Systemtheorie (219-231). Braunschweig: Braunschweiger Studien zur Erziehungs- und Sozialarbeitswissenschaft.
  • Kiessler, K. & Scholl, W. (1976). Partizipation und Macht in aufgabenorientierten Gruppen - Ein Feldexperiment zur Theorie der organisatorischen Bedingtheit von Gruppenprozessen. Frankfurt: Haag & Herchen.