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Humboldt-Universität zu Berlin - Lebenswissen­schaftliche Fakultät - Institut für Psychologie

Ära Stumpf ( 1894-1921 )

Carl STUMPF bezog mit seinem Assistenten Friedrich SCHUMANN ( 1863-1940 ) Räume in der Dorotheenstr. 95/96. Im Jahre 1900 (Ministerialverfügung vom 20.12.1900) erhielt das Psychologische Seminar den Status eines Institutes: Psychologisches Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.

SCHUMANN hatte sich 1892 in Göttingen habilitiert, war ein vielseitiger Experimentator und erfolgreicher Entwickler verschiedener Geräte für psychologische Experimente. 1904 gehörte SCHUMANN zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft für Experimentelle Psychologie, deren erster Kongreß im selben Jahr in Gießen stattfand. 1905 ging SCHUMANN als Ordinarius nach Zürich. Nach dem Tode von EBBINGHAUS (1909) war SCHUMANN der Herausgeber der Zeitschrift für Psychologie. Für die spätere Geschichte des Berliner Psychologischen Institutes wurde sein Wirken in Frankfurt a.M. bedeutsam. SCHUMANNs Labor an der Frankfurter Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften ( 1910-1914; ab 1914 Psychologisches Institut der Universität, dessen Direktor SCHUMANN bis1928 war) wurde zum Ort, an dem sich die Gestaltpsychologie Frankfurt-Berliner Prägung formieren konnte.

STUMPF selbst wirkte in Berlin sehr vielseitig und war eine hervorragende Autorität. Er war Rektor der Berliner Universität ( 1907/08 ) und Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Sein Institut konnte er mit großem Erfolg ausbauen. Es galt als vorzüglich ausgestattet und wurde zu den bedeutendsten der Welt gezählt. Mit der Verlagerung des Institutes in das Berliner Stadtschloß ( 1920 ) konnte dann auch dessen Raumbestand erheblich erweitert werden.

STUMPF hatte vor der Berufung nach Berlin seine "Tonpsychologie" (Bd.1,1883; Bd.2,1890) publiziert, die ihn als Autorität weithin auswies. Sein Interesse an Musik und Musikforschung blieb zeitlebens sehr ausgeprägt. So gab er zwischen 1898 und 1924 die "Beiträge zur Akustik und Musikwissenschaft" heraus und initiierte im Jahre 1900 den Aufbau eines Phonogrammarchivs ( erste Aufnahmen mit dem EDISON-Phonographen durch Carl STUMPF und Otto ABRAHAM ). STUMPF folgte damit dem Beispiel Österreichs, wo 1899 in Wien das erste Phonogrammarchiv der Welt angelegt wurde Die Finanzierung des Archivs erfolgte auf privater Basis, aus Zuwendungen von Stiftungen und der Akademie.

Zwischen 1906 und 1933 leitete Erich Moritz von HORNBOSTEL( 1877-1935 ), ein promovierter Chemiker aus Wien, Musikliebhaber, Experimentalpsychologe und Ethnologe, das Phonogrammarchiv. E. M. v. HORNBOSTEL blieb bis zu seiner Emigration 1933 am Psychologischen Institut. 1925 wurde er als ao. Professor für Systematische und Vergleichende Musikwissenschaft berufen. Der Bestand des Phonogrammarchivs war bis 1933 auf 9321 bespielte Wachswalzen angewachsen .Das Archiv wurde 1935 dem Völkerkundemuseum in Berlin übergeben, nachdem es ab 1923 im Etat der Hochschule für Musik geführt worden war. Nach wirrem Schicksal in der Folge kriegsbedingter Auslagerung gehört dieses kulturhistorische Unikat nunmehr als Berliner Phonogrammarchiv wieder zum Bestand des Museums für Völkerkunde in Berlin und wird von Frau Dr. Ziegler wissenschaftlich betreut. Derzeit steht die Sicherung der Tondokumente in digitalisierter Form im Zentrum der Arbeit mit dem Phonogrammarchiv.

Die der Psychologie bereits zugebilligte Kompetenz und die Autorität STUMPFs werden sehr schön illustriert durch die psychologische Untersuchung des Pferdes "Der kluge Hans". Dieses Pferd war von seinem Besitzer, dem Herrn von OSTEN, trainiert worden, arithmetische Aufgaben zu lösen und das Resultat per Hufschlag anzugeben. Die Leistungen des Tieres waren eine Weltsensation. Kann ein Pferd das Rechnen einfacher arithmetischer Aufgaben tatsächlich erlernen? Unter Leitung von STUMPF wurde eine "Hans Kommission" zur Prüfung dieser Frage gebildet. Die eigentliche Untersuchung im Jahre 1904 wurde Oskar PFUNGST (1847-1933) übertragen, dem v. HORNBOSTEL assistierte. PFUNGST war seinerzeit Doktorand und Volontärassistent bei STUMPF. Nach gründlichen Beobachtungen und ausgeklügelten Registrierungen der Interaktionen zwischen von OSTEN und seinem Pferd wurde die Frage klar abschlägig beantwortet. Hans hatte es offensichtlich gelernt, feine Intentionsbewegungen (Mikrosignale) seines Trainers in Hufschläge umzusetzen. Immerhin dokumentiert dieser Befund eine bemerkenswerte Leistung des Tieres. PFUNGST publizierte seine Befunde 1907 ("Das Pferd des Herrn von Osten"), durch die englische Ausgabe (1911) wurde die Untersuchung auch international bekannt. Das Problem, ob denn höhere intellektuelle Leistungen auch bei Tieren vorausgesetzt werden können, bestimmte danach die Diskussion. Im Jahre 1912 begründete die Preußische Akademie der Wissenschaften auf Teneriffa die erste Anthropoidenstation der Welt, weil einschlägige Untersuchungen in Zoologischen Gärten als unzulänglich bewertet wurden. Auf Vorschlag von Carl STUMPF wurde Wolfgang KÖHLER (seinerzeit Assistent bei Friedrich SCHUMANN in Frankfurt ) im Dezember 1913 in der Nachfolge des ersten Direktors, Eugen TEUBER, zum Direktor dieser Station bestimmt und verblieb bis zum Mai 1920 in dieser Position. In diesen Jahren führte er experimentelle Untersuchungen u.a. an Schimpansen durch, die ihn weltbekannt machten: "Intelligenzprüfungen an Anthropoiden. I." (1917).

Einige der später herausragenden oder sehr bekannten Psychologen promovierten bei Carl STUMPF: K.KOFFKA (1908 ), J. v. ALLESCH (1909). W.KÖHLER (1909 ), A. GELB (1910), W.BLUMENFELD (1913 ) und K. LEWIN (1916). Der berühmteste Promovent STUMPFs war wohl der Schriftsteller Robert MUSIL (1880-1942), der 1908 mit einer theoretischen Arbeit über die Erkenntnislehre Ernst MACHs promovierte. In seinem "Der Mann ohne Eigenschaften" findet man die Verarbeitung von Beobachtungen am Institut ebenso, wie die Erörterung psychologischer Probleme.

Als im November 1920 Carl STUMPF sein Institut, zunächst vertretungsweise, an Wolfgang KÖHLER übergab, hinterließ er diesem ein Institut, an dem kreative Wissenschaftler vorzüglich arbeiten konnten.
Carl Stumpf starb am Weihnachtstag des Jahres 1936 in Berlin. Im Besitz des Instituts für Psychologie befinden sich ein Portraitgemälde und eine Bronzebüste von Carl STUMPF. Letztere wurde 1928 anläßlich seines 80.Geburtstages der Universität überreicht.