Nachruf für Dr. Uta Sassenberg
Uta Sassenberg
21. April 1975 – 20. November 2011
Am 20. November 2011 haben wir mit Uta Sassenberg eine hoch geschätzte und liebenswerte Kollegin verloren.
Uta starb mit nur 36 Jahren nach einer schweren Krebserkrankung in ihrer Heimatstadt Bremen. Schon in der Schulzeit in Bremen wuchs in ihr der Wunsch, später einmal auf dem Gebiet der Psychologie forschend tätig zu werden. Zunächst absolvierte sie von 1996 - 1999 eine Ausbildung zur Bauzeichnerin in einem Ingenieurbüro in Bremen. Dort lernte Uta ihren Lebenspartner kennen, der sie bis zuletzt begleitete.
1999 verfolgte Uta ihren eigentlichen Wunsch weiter und studierte an der Universität Lincoln (Großbritannien) Psychologie und Kriminologie. Das Thema ihrer Bachelorarbeit „Vergleich von Bewegungsbeschreibungen in Sprache und Gestik“ war wegbereitend für Utas späteres Forschungsfeld der rede-begleitenden Gesten.
Nach ihrem Bachelorabschluss im Jahre 2002 arbeitete Uta für 9 Monate am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nimwegen, um anschließend ein 2-jähriges Masterstudium der Psycholinguistik in Edinburgh (Großbritannien) zu absolvieren.
Der Masterabschluss öffnete den Weg in die Forschung: 2005 begann Uta ihr Promotionsstudium am Lehrstuhl für Kognitive Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema „Thinking hands: How co-speech gestures reflect cognitive processes“. Seit 2007 gehörte sie auch der Berlin School of Mind and Brain an. Während der Promotion war sie zu einem 3-monatigen Forschungsaufenthalt im Labor der renommierten Gesten-Forscherin Susan Goldin-Maedow in Chicago. In ihrer kumulativen Dissertation, betreut von Elke van der Meer und Isabell Wartenburger, analysierte Uta Zusammenhänge zwischen schlussfolgerndem Denken und rede-begleitenden Gesten. Mit hoher Kompetenz kombinierte sie dabei verschiedene Untersuchungsmethoden. Sie konnte zeigen, dass Personen mit hoher fluider Intelligenz geometrische Analogieanforderungen nicht nur besser bewältigen als Personen mit durchschnittlicher fluider Intelligenz, sondern sich auch durch eine größere Häufigkeit repräsentationaler Gesten, insbesondere Bewegungsgesten, auszeichnen. Darüber hinaus weisen sie hirnstrukturelle Besonderheiten z.B. in einer Region im Broca-Areal (pars opercularis) auf, die im Zusammenhang mit Denken, Sprache und Gestenbildung gesehen werden. Diese Erkenntnisse sind nicht nur von großer wissenschaftlicher Bedeutung für die Gestenforschung, sondern auch von hoher Relevanz für unser Verständnis der engen Verzahnung von kognitiven Prozessen, Sprache und Gesten. Sie stützen das „Gestures-as-Simulated-Action“ Modell der Gestenproduktion und damit auch den Embodied Cognition Ansatz. Sie öffnen das Tor zu vielfältigen neuen Fragestellungen und fruchtbaren Untersuchungsansätzen.
Noch vor ihrer Disputation begann Uta eine Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Neurologie, Psychosomatische Medizin und Psychiatrie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Sie arbeitete in einem Forschungsprojekt des Exellenzclusters „Languages of Emotion“, das sich mit Alexithymie und Gestik beschäftigt. Kurz darauf wurde ihre Krebserkrankung diagnostiziert. Uta war stets zuversichtlich, wieder gesund zu werden. Dieser Optimismus hat ihr die Stärke gegeben, die belastenden Behandlungen zu überstehen. In dieser schwierigen Situation schloss Uta im Juli 2010 die Promotion mit summa cum laude ab.
Leider hatte Uta die Krankheit nicht dauerhaft überstanden. Diese Nachricht hat uns alle nochmals tief getroffen. Doch Uta blieb zuversichtlich und lebensfroh. Sie hat neue wissenschaftliche Pläne geschmiedet, Ideen für ein nächstes gemeinsames Projekt entwickelt und engagiert mit uns diskutiert. Uta zeigte sich selbst in dieser Lebenslage als freundlicher, kollegialer und positiv denkender Mensch. Ihre Lebensfreude war auch für uns aufmunternd. Mit dieser Haltung hat sie uns unbeschreiblich beeindruckt.
Uta bleibt uns als kluger, weltoffener, mutiger Mensch in Erinnerung. Unvergleichbar waren ihre wissenschaftliche Vielseitigkeit und ihre Kreativität. Unvergleichbar waren ihre Toleranz und Kollegialität, beeindruckend auch ihre Diskussionsfreude, mit der sie unsere Forschungskolloquien belebte. Uta hat sich nicht in einem Elfenbeinturm der Erforschung der Gesten gewidmet. Im Gegenteil - sie hat z.B. selbst die Gebärdensprache erlernt und Gehörlose in vielen Belangen tatkräftig unterstützt. Sie hat nicht nur in hochrangigen wissenschaftlichen Journalen publiziert, sie hat auch für die Tagespresse, wie z.B. die FAZ geschrieben. Uta beeindruckte durch ihre exzellente, tiefgründige und konzentrierte wissenschaftliche Arbeitsweise. Zielstrebig, jedoch nie verbissen und ohne Konkurrenzgebaren, hat sie gearbeitet.
Uta musste viel zu früh sterben. Sie hat tiefe Spuren in uns hinterlassen. Sie fehlt uns sehr - als Wissenschaftlerin, als Kollegin und als Freundin.
Die Angehörigen des Lehrstuhls für Kognitive Psychologie.